Stampfenbach

vacancy – no vacancy. Ein performatives Haus der Zukunft
Das englische Substantiv «vacancy» stammt vom lateinischen Verb «vacare» ab und bedeutet «unbesetzt sein» sowie «Zeit haben» und «sich widmen». Der Titel weist auf die Bewohnbarkeit des Mock-ups hin. Damit angesprochen ist auch die Möglichkeit der individuellen Aneignung durch die Bewohnerinnen und Bewohner.

Ausgangslage

Kleinwohnungen
Ein Drittel der Wohnungen in der Stadt und im Kanton Zürich werden von Singlehaushalten bewohnt, ein weiteres Drittel der Haushalte besteht aus Paaren und nur mehr ein Drittel machen Familien und andere Gemeinschaftshaushalte aus (Quellen: Kt. ZH EWR, Kt. ZH GWR, 2019). Die Mehrheit der Singlehaushalte wird von Frauen und Männern zwischen 30 bis 60 Jahren bewohnt. Diese Gruppe von Alleinwohnenden ist stark durchmischt: Studierende, multilokal Wohnende, jüngere Singles, Verwitwete sowie Geschiedene gehören gleichermassen dazu. Die Zunahme von Einzelhaushalten wird begleitet von der Individualisierung der Lebensentwürfe, die dank steigendem Wohlstand und markantem Anstieg des Bildungsniveaus seit den sechziger Jahren fortschreitet. Diese Erkenntnis verlangt nach möglichst flexiblen Kleinwohnungen und der Möglichkeit zur individuellen Aneignung, die dem Pluralismus an Lebensformen und den rasch wechselnden Bedürfnissen unterschiedlicher Bewohnerinnen und Bewohnern gerecht werden kann.

Entwurf einer neuen Wohnform
Die Idee für ein solches Wohnen baut auf der Vorstellung eines «performativen Raumes» auf, der sich individuell dem Bewohner anpasst: Ähnlich einem Kleid legt er sich um den Bewohner, lässt sich öffnen und schliessen, bietet für den leichten Hausrat unterschiedliche Nischen und Stauräume. Im Sinne dieser Performanz werden die grundlegenden Elemente der Architektur neu gedacht: Boden und Decke, Türen und Wände, Einbauten und Möbel, Fenster, strukturelle Elemente, Vorhänge, Spiegel etc. Dabei sind neben den beweglichen Elementen insbesondere zwei fassadenseitige Podeste von Bedeutung. Sie folgen der Idee eines Wohnens mit wenig Mobiliar. Hier wird der Boden zur Sitz- und Liegefläche. Die Erforschung neuartiger, unkonventioneller Wohnformen beschäftigt Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten in Praxis und Lehre. Im Rahmen von 1:1 Modellen hat die Professur Mosayebi gemeinsam mit Studierenden der ETH Zürich das architektonische Potenzial performativer Räumen ausgelotet.

Konstruktion und Materialisierung
Das Mock-up ist ein vorfabrizierter Holztafelbau aus Massivholzplatten (CLT-Platten). Diese kommen sowohl als Wand- wie auch als Deckenelemente zum Einsatz und werden im Ausbau nicht weiter verkleidet, sondern lediglich gestrichen – Trag- und Raumstruktur sind dabei eins. Der Aufbau gleicht dem eines einfachen «Kartenhauses», bei dem die Holztafeln direkt gestapelt werden. Die Horizontalaussteifung erfolgt über die Querstellung einzelner solcher Scheiben. Im Innenausbau prägen neben den Anstrichen auf Wänden und Decken farbige Linolbeläge auf Böden und Podesten den Raumeindruck.

Forschungsthemen
1. Konstruktive Umsetzbarkeit: Bewegliche Bauteile wie Schiebewände, Faltwände oder Drehtüren werden in der Architektur nicht gerne eingebaut, da sie mit einem höheren konstruktiven Aufwand verbunden und die Bauteile anfällig für Störungen sind. Das Mock-up dient dazu, solche beweglichen Elemente prototypisch zu entwickeln und konstruktiv zu verfeinern. Der Fokus liegt hierbei auf der Drehtüre und dem Drehschrank. Schliesslich dient das Mock-up dazu, Schallmessungen vorzunehmen, da für die gewählte Konstruktion mit sichtbar belassenen Massivholzplatten keine entsprechenden Werte bestehen.
2. Verhaltensstudie im Wohnen: Eine weitere Schwierigkeit wandelbarer Räume liegt im trägen Verhalten der Bewohner, das ständige Veränderungen nicht unterstützt. Neues Verhalten wird laut dem Verhaltensforscher BJ Fogg erst dann angenommen, wenn die Veränderung einfach umzusetzen ist (Ability), sie positive Emotionen hervorruft (Motivation) und mit einer Aufforderung (Prompt) belegt wird. Die Verhaltensstudien mit Testbewohnern haben das Ziel, die Veränderungsbereitschaft der Bewohner zu verstehen. Dafür werden unterschiedliche soziale Gruppen für je eine Woche im Mock-up wohnen. Drehwinkelsensoren in den beweglichen Bauteilen werden die Bewegungshäufigkeit sowie die gewählten Winkel messen. Die Testpersonen werden nach dem Aufenthalt mittels eines Questionnaires zur Wohnqualität befragt. Dieser Forschungsteil wird in Kooperation mit dem ETH Wohnforum, Dr. Marie Antoinette Glaser, bearbeitet.

Hintergrund
Grundlage des Mock-ups bildet ein Projekt der moyreal Immobilien AG an der Stampfenbachstrasse 131 in Zürich, das Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten entworfen haben. Mit dem Mock-up wird das räumliche und konstruktiv-technische Zusammenspiel der Bauteile im bewohnten Alltag prototypisch getestet. Das Mock-up ist ein Beitrag zur Forschung in der Praxis.

> Performatives Haus

> Lageplan

Folgende Sponsoren und Partner haben zum Erfolg des Projekts beigetragen:
Engel & Völkers Schweiz, Flück Holzbau AG, KLS Müller AG, moyreal immobilien ag, Timbatec Holzbauingenieure Schweiz AG, UTO Real Estate Management AG, Verit Immobilien AG, ABB, Argolite AG, Blumer Techno Fenster AG, Böni Gebäudetechnik AG, Christian Fischbacher Co. AG, Ehrat AG, Electrolux AG, Gerflor FEAG AG, Gutknecht Elektroplanung AG, Hansgrohe, Holz Stürm AG, KEIMFARBEN AG, Miele AG, Neumarkt 17 AG, Pfister PROFESSIONAL AG, riposa AG SWISS SLEEP, Preisig AG, REPOXIT AG, Sanitas Troesch AG, Schibli Elektrotechnik AG, Sika AG, SPLEISS AG, Urech Metallbau GmbH, WB Bürgin AG, wlw Bauingenieure AG

Stahlbau

Exposé

Motivation
Die Motivation zum vorgeschlagenen Forschungsprojekt besitzt einen zunächst äusserst persönlichen Ausgangspunkt, der von der Faszination für Stahlkonstruktionen in einigen mir bekannten historischen Gebäuden ausgeht: beispielsweise dem Maison de Verre von Pierre Chareau (Paris), der Immeuble Clarté von Le Corbusier (Genf) sowie zahlreichen Entwürfen von Jean Prouvé. Ausgehend davon habe ich während des Architekturstudiums an der ETH Zürich Versuche unternommen, in Entwürfen die architektonischen Potentiale des Stahlbaus auszuloten. In einem Semester bei Prof. Peter Märkli entwickelte ich für die Aufstockung eines Wohnungsbaus eine mehrgeschossige Stahlstruktur, die nicht nur statischen Anforderungen gerecht wurde (Gewicht), sondern auch nach den Ausdruckmöglichkeiten solcher Strukturen fragte (offener Grundriss, Profilierung, Farbe; vgl. Portfolio). Nach dem Studium erhielt ich zusammen mit Kollegen bei einer ersten Auftragsarbeit die Möglichkeit, eine Stahl-Holz-Verbundstruktur zu erproben (derartige hybride Tragstrukturen sind mir einzig von Jean Prouvé bekannt). Während dieses Gebäude neben einem Gärtnereiteil lediglich eine einzige Wohnung umfasst, besteht eine nächste Herausforderung in der Frage, wie Stahlbau unter den gegenwärtigen Bedingungen im mehrgeschossigen Wohnungsbau zur Anwendung kommen kann. Es sind mir in der Schweiz keine solchen aktuellen Projekte bekannt, wohl nicht zuletzt deshalb, da zahlreiche ungelöste Fragen anstehen (im Sinne einer sichtbar gemachten Struktur wie beim Maison de Verre). Der Einsatz von Stahlstrukturen im Wohnungsbau erscheint auch deshalb interessant, da sich mittels Skelettstrukturen neue Entwurfsfelder hinsichtlich der Wohnformen und Grundrisstypologien eröffnen.

Ziele
Das Ziel des vorgeschlagenen Forschungsprojektes besteht darin, die Problemfelder und Fragestellungen zum Stahlbau im mehrgeschossigen Wohnungsbau systematisch anzugehen und in konkreten prototypischen Entwürfen mögliche Lösungen vorzustellen; in diesem Sinne handelt es sich um den Vorschlag einer architektonisch-konstruktiven Forschung. Mit der Arbeit möchte ich ein neues Feld eröffnen, das für mich in Ergänzung zu den eher städtebaulichen bis landschaftsarchitektonischen Forschungsarbeiten steht, welche ich als Student an der ETH Zürich respektive als Assistent am ETH Studio Basel angegangen bin (vgl. Portfolio/Publikationen).

Problemstellungen
Die Problem- und Fragestellungen im Zusammenhang mit Stahlbau im mehrgeschossigen Wohnungsbau beinhalten zahlreiche Herausforderungen und mindestens zwei Dimensionen (immer unter der Annahme auch das Ausdruckpotential einer sichtbaren, offenen Struktur zu nutzen): eine bautechnisch-konstruktive sowie eine ästhetische-expressive. Auf der bautechnisch-konstruktiven Ebene ergeben sich Fragen zu Akustik, Thermik, Brandschutz und (wirtschaftlicher) Statik. Sie sollen im Rahmen der Forschung auf theoretischer (Literaturstudium, Studium von Beispielen) und auf «praktischer» (in Zusammenarbeit mit Stahlbauern, Bauphysikern und Ingenieuren) Ebene angegangen werden. Dabei sollen auch wirtschaftliche Überlegungen angestellt werden, da diesbezüglich im Wohnungsbau enge Rahmenbedingungen bestehen (Vorfabrikation/Bauzeit, Kombinationen mit anderen Materialien und Bautechniken). Das zweite Feld betreffend der architektonischen Ausdrucksmöglichkeiten des Stahlbaus kann nur bedingt «theoretisch» (Studium und Übersicht historischer und allfälliger aktueller Beispiele) bearbeitet werden. Weitreichende Aussagen sollen konkrete prototypische Entwürfe machen, die ausgehend von den bautechnisch-konstruktiven Erkenntnissen entwickelt werden. Auch hierzu werden wiederum Ingenieure und Spezialisten in die Arbeit involviert.

Forschungsplan
Die Dauer der Forschungsarbeit wird entsprechend den Vorgaben der Ausschreibung auf ein Jahr veranschlagt. Die Arbeit soll ein systematisches Vorgehen besitzen, wobei die ersten drei Monate dazu dienen, einen Überblick über die historische Entwicklung und Beispiele zu gewinnen. Weitere fünf Monate sind für die Lösungserarbeitung der bautechnisch-konstruktiven Fragen vorgesehen. In den verbleibenden vier Monaten werden die prototypischen Entwürfe entwickelt und visualisiert. Danach soll entschieden werden, in welcher Form die Erkenntnisse öffentlich gemacht werden können. Denkbar ist eine Publikation in einer Fachzeitschrift, allenfalls sogar in Buchform. Im Idealfall ergibt sich aufgrund bestehender Kontakte zu Stahlbauern die Realisierung eines Prototyps.
CMI, April 2008