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Sekundarschulhaus Chliriet
Rümlang-Oberglatt, 2018–2022
Projektwettbewerb, 2018, 1. Preis
Situation
Grundriss Klassengeschoss

Lektüre des Ortes
Die Schulanlage Chliriet liegt zwischen den Gemeinden Rümlang und Oberglatt in einem ehemaligen Feuchtgebiet, welches beim Bau des Flughafens Kloten weitgehend trocken gelegt wurde. Dieser weite Landschaftsraum wird durch die Ebene, Flurwege und schmale Feldstreifen geprägt. Baumsäume entlang den kanalisierten Bachläufen betonen die geometrische, linear strukturierte Landschaft.
Alte Flugaufnahmen zeigen mit Bäumen bewachsene kleine Erhebungen in der damaligen Moorlandschaft. Noch heute sind diese leichten Erhebungen in der ansonsten völlig flachen Allmend gut erkennbar. Auf dem Vorplatz der bestehenden Mehrzweckhalle befindet sich eine solche «Insel», mit über hundertjährigen Eichen.
Die Mehrzweckhalle, ein funktionaler und in sich stimmiger Bau, steht selbstverständlich in diesem ruralen Kontext. Die Sportfelder liegen frei in der Ebene angeordnet und bilden ein allseitig offenes Gefüge von Flächen, gruppiert um die alten Bauminseln.
Der vorliegende Projektvorschlag entwickelt sich unter anderem aus diesen landschaftlichen Gegebenheiten.

Volumen und Aussenraum
Das flache, lineare Volumen des neuen Schulhauses steht parallel zum Flurweg und betont den landschaftlichen Bezug zu den Feldern der Allmend. Von allen Schulzimmern im Osten öffnet sich der Blick in die weite Landschaft. Gleichzeitig wird ein Aussenraum zwischen dem Schulgebäude und der Mehrzweckhalle aufgespannt. Durch das Ausknicken des grossen Vordachs mit dem zentralen Eingang verankert sich das Volumen im Kontext und nimmt auf subtile Art Bezug zur gegenüberliegenden Mehrzweckhalle. Dank der stirnseitigen Dachsilhouette erhält das Gebäude dorfseitig eine einprägsame Ankunftsadresse ähnlich der Mehrzweckhalle.
Auf dem Pausenplatz nehmen baumbestandene, elliptische Kiesflächen das Thema der bestehenden Rasenellipsen vor der Halle auf. Diese werden zum Filter für den Pausenplatz und sind mit ihren Sitzelementen und Hängematten Orte der Begegnung und zum Chillen geeignet. Das zum Pausenplatz weit auskragende Vordach schafft einen gedeckten Aussenbereich für eine Vielzahl von Schülergruppen ganz unterschiedlicher Grössen.
Die Velos werden mit einem doppelgeschossigen Parksystem direkt an der Stirnfassade der Mehrzweckhalle angeordnet und sind vom Schulhaus gut einsehbar. Die Zufahrt für die Autos und die Anlieferung erfolgt ab der Grabenstrasse, die Lehrerparkplätze sind auf selbstverständliche Art beidseitig der Zufahrtstrasse vorgesehen. Die Wiese südlich des Schulbaus wird für eine spätere Erweiterung freigehalten und soll vorerst mit einzelnen, freistehenden Bäumen bepflanzt werden. Durch den Neubau soll die vorhandene Qualität des weiten, durchlässigen Landschaftsraumes gestärkt werden.

Gliederung des Schulhauses
Die Raumstruktur des Schulhauses orientiert sich an ruralen Typologien und Ordnungsprinzipien. Sich wiederholende Einheiten werden zu einfachen Raumgruppen aufgereiht. Die einzelnen Raumgruppen sind im Grundriss direkt ablesbar. Aus dieser unmittelbaren Tektonik entsteht ein räumlicher Reichtum, wie er landwirtschaftlichen und gewerblichen Bauten eigen ist.
Ausgehend vom Raumprogramm werden die Funktionen des Hauses auf zwei Geschosse verteilt. Im Erdgeschoss befinden sich die Lehrerzimmer, die Spezialklassenzimmer wie Werken und Handarbeit sowie die naturwissenschaftlichen Räume mit innenliegenden Materialräumen und grossen Fenstern zur offenen Landschaft im Osten. Eine langgezogene Erschliessungshalle mit zwei Haupteingängen dient als zentraler Ankunfts-, Begegnungs- und Verteilraum. Die Schülerschränke und Toilettenanlagen, der direkte Blick in den Pausenraum und die Treppen in das Obergeschoss, vor allem aber die von Fluchtwegauflagen befreite, individuelle Möblierbarkeit, stärken diesen Raum als verbindendes Zentrum. Im Sommer können alle Türen geöffnet werden, sodass die Atmosphäre einer Freiluftschule aufkommt.
Sämtliche Klassenzimmer befinden sich im Obergeschoss. Sie profitieren von einem Blick in die weite Landschaft und der idealen Belichtung aus Nordosten. Zusätzlich wird jedes Zimmer über ein hochliegendes Fensterband auch von Südwesten belichtet. Zusammenlegbare Gruppenräume mit grossen Fenstern zum Pausenraum ergänzen das Raumangebot. Jeweils zwei Zimmer bilden einen Cluster mit separater Erschliessung. Diese intimen Vorräume können dank dem aussenliegenden Fluchtbalkon durch die beiden angrenzenden Klassen individuell möbliert und genutzt werden. Durch Dreh- und Falttüren können ganz unterschiedliche Raumbezüge hergestellt werden. Arbeitssimse an den Fenstern der Klassenzimmer, aber auch in den Gruppen- und Vorräumen runden den hohen Gebrauchswert dieser Clustereinheiten ab.
Im Untergeschoss ist neben dem Technikraum primär die geforderte Lagerfläche angeordnet. Über einen unterirdischen Verbindungsraum und einen Warenlift an der Aussenseite der Mehrzweckhalle ist diese pragmagmatisch und funktional erschlossen.

Inputraum / Atelier / Palavrium
Da sich die Unterrichtsformen und pädagogischen Methoden nicht nur im Oberstufenunterricht in einer Umbruchphase befinden, soll die Raumstruktur des neuen Schulhauses viel ermöglichen und wenig unterbinden. Neben dem bewährten Frontalunterricht sollen, basierend auf dem Lehrplan 21, auch neuere Lehrformen wie das „Selbstlernen“ in Lernlandschaften möglich sein.
Dieses zum Beispiel in Buchs praktizierte Unterrichtskonzept erfordert für jede Klasse drei Räume, die gleichzeitig ganz unterschiedlich genutzt werden können. Während im eigentlichen Klassenzimmer durch die Lehrperson gezielte Inputs vermittelt werden, arbeiten einzelne Schüler im stillen Atelier (Flüsterton) an ihren Lernzielen und eine kleinere Gruppe kann im Vorraum – dem Palavrium – üben, sich in einer Fremdsprache zu unterhalten. Erfahrungsgemäss ist ein solcher Lerncluster in der Grösse von ca. 50 Schülern ideal und es ist förderlich, wenn die gesamte Lernlandschaft, inklusive dem Palavrium, individuell eingerichtet werden kann. Das vorliegende Projekt ermöglicht die anvisierten Unterrichtsformen des Lehrplans 21 auf geradezu idealtypische Art.

Brandschutz, Rollstuhl und Putzen
Die neue Brandschutznorm ist für die Umsetzung von Lernlandschaften ideal, wird doch das Flüchten über einen angrenzenden Raum auf dem gleichen Geschoss bis zum Fluchtweg explizit erlaubt. Durch den Fluchtbalkon im Obergeschoss sind somit alle Räume im gesamten Schulhaus von den Anforderungen eines Fluchtweges befreit und können durch Schüler und Lehrer individuell eingerichtet werden. Um die Fluchtweglängen einzuhalten sind drei Treppen erforderlich, welche unten und oben durch Türen geschlossen werden können. Es obliegt somit dem Lehrerkollegium zu entscheiden, ob der Fluchtbalkon im Alltag vom Pausenplatz her zugänglich ist oder nicht.
Neben den feuerpolizeilichen Anforderungen gewährleistet der Balkon auch die Einhaltung des behindertengerechten Bauens und dient dem Hauswart zur treppenfreien Erreichbarkeit aller Räume. Über einen Lift in der Toilettenraumschicht, mit direkt angrenzendem Putzraum, können alle Räume mit Reinigungsmaschinen erreicht werden. Die Türen zwischen zwei Klassenzimmern sind nicht nur zur Aufsicht bei kurzfristigen Ausfällen von Lehrpersonen nützlich, sondern dienen dem Hausdienst auch für einen direkten Zugang von Zimmer zu Zimmer.

Struktur und architektonischer Ausdruck
Die konstruktive Logik des Hauses leitet sich, gleich wie die räumliche Ordnung des Projekts, von Fügungsprinzipen ruraler Bauten ab. Unter den Prämissen einer möglichst kostengünstigen und nachhaltigen Konstruktion soll alles so direkt und einfach wie möglich gefügt werden. Indem die verschiedenen architektonischen Elemente mit unterschiedlichen Farben behandelt werden, wird die Autonomie der einzelnen Elemente als Teil des Ganzen weiter gestärkt. Zugleich entsteht ein räumlicher und atmosphärischer Reichtum, der sich von der üblichen «Homogenisierung» absetzt und seine Identität vielmehr aus einer die Konstruktion betonenden Farbigkeit erlangt. Der Holzbau ermöglicht die Konstruktion von Innen nach Aussen fortzusetzen, sodass das neue Schulhaus mit seiner durchlaufenden Farbigkeit leicht und offen erscheint.
Über der auf Pfählen abgestellten Bodenplatte wird das Schulhaus als reiner Holzbau vorgeschlagen. Die Primärstruktur soll als sichtbare Zangenkonstruktion ausgeführt und mit Holzelementen überspannt werden. Um die Flexibilität der Grundstruktur nicht einzuschränken, werden alle Wände in Leichtbaukonstruktion ausgeführt. Die Holzmetallfenster können durch aussenliegende Textilstoren beschattet werden. Die Stirnseiten sollen mit hinterlüfteten Paneelen verkleidet werden. Insgesamt erhält der Entwurf durch seine leichtfüssige Direktheit eine unverwechselbare Identität.

> Lageplan

Mitarbeit Wettbewerb
Peter Baumberger, Karin Stegmeier, Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Phillip Türich, Alexandra Isele, Sébastien Ressnig, Jenna Buttermann

Mitarbeit Planung und Ausführung
Peter Baumberger, Karin Stegmeier, Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Phillip Türich, Projektleitung: Nils Franzini, Andrea Grolimund, Bauleitung: Charel Muller, Praktikant*innen: Nora Iannone, Anna Oexle, Kevin Quinlan

Zusammenarbeit
Baumberger Stegmeier Architektur (BS+EMI Architektenpartner AG)

Bauherrschaft
Sekundarschulgemeinde Rümlang-Oberglatt

Landschaftsarchitekt: Hofmann & Müller Landschaftsarchitektur, Zürich
Bauingenieur: Dr. Lüchinger+Meyer Bauingenieure AG, Zürich
Holzbauingenieur: Pirmin Jung Schweiz AG, Sargans
HLSE-Planer: EBP Schweiz AG, Zürich
Bauphysiker: Raumanzug GmbH, Zürich

Publikation
Casabella 945, Mai/2023
AIT 5/2023
www.detail.de, 28.03.2023
Maisons et Ambiances 1/2023
www.tagesanzeiger.ch, 17.12.2022
Hochparterre 11/2022
werk, bauen + wohnen 4/2022
www.zuonline.ch, 9.9.2020
Hochparterre Wettbewerbe 5/2018
www.hochparterre.ch, 14.9.2018
www.zuonline.ch, 26.7.2018